Arbeiten auf Ibiza - Berenikes Bericht

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Mein Freund war vor ca. zwei Jahren für sieben Tage auf Ibiza. Er war total begeistert von der Insel und so war es sein Traum, dort mal länger zu bleiben. Ich hatte nichts dagegen, da ich sowieso gerne verreise und Interesse an anderen Lebensgewohnheiten habe.

Wir buchten für den 05.05.03 einen Flug mit Airberlin und arbeiteten davor ca. einen Monat so viel wir konnten.

Mit ca. 3500€, unseren Fahrrädern, Klamotten, Büchern und persönlichen Unterlagen im Gepäck verließen wir Deutschland.

Auf Ibiza angekommen, suchten wir uns in Ibiza-Stadt ein Hostal für ca. 25-30€/Nacht im Doppelzimmer. Wir kauften uns ein spanisches Wörterbuch und den Diario de Ibiza. Dort stehen die meisten Apartments, Wohnungen und Zimmer drin - allerdings nur auf spanisch.

Wir hatten uns für die erste Woche einen Mietwagen genommen, um die Insel abzufahren und herauszufinden, wo wir leben wollten (Mietwagen immer in Deutschland buchen - ist billiger).

Unser Plan war, erst eine Wohnung zu haben, bevor wir uns einen Job suchen würden. Die meisten Anzeigen, auf welche wir uns telefonisch meldeten, verliefen so: "Do You speak english or german?" - "No!".

Endlich, nach ein paar Tagen hatten wir Erfolg! Ein Apartment in Cala Llonga. Es sollte 1000€/Monat kosten, was uns aber zu teuer war, zumal uns die Gegend nicht gefiel. In unserem Hostal wohnten auch zwei Franzosen und wir beschlossen, zusammen nach Jobs und Apartments Ausschau zu halten. Wir trafen uns also jeden Tag, um zu besprechen, wer etwas Neues herausgefunden hatte. Dann endlich, nach zehn Tagen, hatten wir Erfolg. Ein Apartment in San Antonio, 600€/Monat, zwei Monate im Voraus zu bezahlen und 600€ Kaution - allerdings bis Ende Oktober. Anders ging es nicht. So bezahlten wir auf einen Schlag 1800€. Nun konnten wir uns dem nächsten Problem widmen - wir brauchten eine Job.

Mein Freund ist Koch und so begannen wir ebenfalls nach Anzeigen in der Zeitung zu suchen. Ich kümmerte mich derweil um meine eigenen Interessen, bzw. das, was ich mir vorgenommen hatte, nämlich Yoga. Ich hatte, bevor ich nach Ibiza ging, die Vorstellung, eine Menge Leute kennenzulernen, welche Yoga machten oder zumindest alternativ und spirituell angehaucht waren (Hippies), um mich ihnen anzuschließen, während mein Freund unseren Lebensunterhalt verdienen würde. Ich fand jedoch nur Institutionen, welche für teures Geld Yoga anboten, während die Alternativszene auf Ibiza aus ziemlich fertigen Leuten besteht und nicht mehr groß ist.

In der Zwischenzeit bekam einer der Franzosen einen Job als Kellner im Savannah (neben dem Cafe del Mar). Abends gingen wir öfter dort hin und sahen uns den "sunset" und die Feuershows an. So ergab es sich, dass mein Freund dort einen Job als Koch angeboten bekam. Er arbeitete zwei Tage Probe, dann übernahmen sie ihn. Er verdiente 1200€ und in der Hauptsaison (Juli/August) 1500€. Er arbeitete sechs Tage die Woche, immer von 15:00 bis 01:00. In der Küche waren 50°C Hitze und da die Saison schlecht lief, war es nicht sehr stressig (in Spitzenzeiten gaben sie aber bis zu 1000 Essen am Abend heraus).
Der Küchenchef war Engländer, wie fast alle in der Küche. Die Arbeitsatmosphäre war also von schwarzem, englischen Humor durchzogen und daher sehr amüsant. Die Kellner allerdings arbeiteten sieben Tage non-stop, so wie fast alle auf der Insel. Saisonarbeit ist harte Arbeit, zumal das Partyangebot reichhaltig ist und viele nach dem Job noch feierten - natürlich mit reichhaltigem Drogenkonsum. Am nächsten Tag kamen sie dann manchmal zu spät oder tauchten nie wieder auf.

Wenn man irgendwo auf der Insel arbeitet, kommt man meist leicht an freien Eintritt oder Saisonpässe für die großen Clubs. Ich begann nun, da ich von der Alternativszene nichts mehr erwartete, mir auch einen Job zu suchen. So würde ich wenigstens Geld verdienen, dachte ich.
In San Antonio gibt es das Ship Inn. Dort ist ein schwarzes Brett und es wird allerlei angeboten und gesucht. Es ist also die inoffizielle Jobbörse.
Ich ging in 1,5 Monaten zu mindestens 30 Interviews und bewarb mich in Bars (es ist immer gut einen englischen "CV" abzugeben) [Hinweis: Die Abkürzung "CV" steht für "Curriculum Vitæ" und meint den beruflichen Lebenslauf; siehe auch das Europass-Projekt der Europäischen Union] .
Zu Beginn, also Mitte Mai, hieß es, die Saison sei schlecht - sie blieb schlecht bis Ende Juni! Außerdem nahmen die meisten nur Engländer.
Zwischendurch mussten wir uns eine N.I.E.-Nummer besorgen. Die will jeder Arbeitgeber haben. Man bekommt sie im Polizeihauptgebäude in Ibiza- Stadt. Es dauert aber Stunden und es empfiehlt sich, dort vor 8:00 zu sein.

Endlich bekam ich einen Job als "Manumission-Girl". Allerdings nur einmal in der Woche; am "Manumissiontag" - montags.
Bei einem der Interviews lernte ich zwei Finninnen kennen, Susanna und Hannele.
Susanna bekam sogar einen Job als "Candygirl" und durfte auf der Bühne tanzen, hatte aber unendlich viele Proben. Hannele und ich waren "Lettergirls", d.h. wir tanzten nachmittags am Strand und ab 21:00 in der Bar M. Um 00:00 fuhren wir dann ins Privilege und tanzten bis 06:30 auf den Podesten. Dafür gab es 40€. Andere Jobs, wie Flyer verteilen, PR für's Eden oder diverse Bars, brachten 20€ am Tag plus Kommission.

Die meisten "Kollegen" wohnten mit vielen anderen in Hostals für 10€/Nacht und ernährten sich von Nudeln und Tuna und abends, was eben so anfiel, partymässig.
Es gibt Workerbars und Workerparties. Alles das war immer sehr lustig, weil alle ums Überleben kämpften und wir alle zusammenhielten. Der Job als "Manumission-Girl" war natürlich zu wenig. Deshalb suchte ich mit meinen finnischen Freundinnen weiter. Ich fand nichts und meine Freundinnen auch nicht, was mir die Gewissheit gab, dass es an der Sprache oder schlechten Saison, aber nicht an mir liegen konnte. Viele, die wir kennengelernt hatten, flogen wieder nachhause, weil sie keinen Job gefunden hatten oder sie liehen sich Geld von ihren Eltern, um zu überleben. Es war deprimierend zu sehen, wie nach und nach alle, mit denen wir uns angefreundet hatten, die Insel verlassen mussten. Ich selbst hätte niemals überlebt, wenn mein Freund nicht einen festen Job gehabt hätte.

Die ersten drei Wochen schliefen noch die beiden Franzosen in unserem Apartment.
Wir hatten ein "estudio", also ein großes Zimmer mit einer Kochnische und ein winziges Bad mit Waschmaschine, welche aber nach zwei Wochen kaputt ging. Alles war alt und nicht besonders komfortabel und wir schliefen zu dritt in einem großen Bett und einer schlief auf der Couch. Nach drei Wochen baten wir die beiden, sich eine eigene Unterkunft zu suchen, denn es wurde mir zu viel. Außerdem waren beide sehr schlampig und ich war es leid, hinter ihnen her zu putzen. Mittlerweile arbeiteten alle drei, die beiden Franzosen und mein Freund, im Savannah.
Ich vertrieb mir die Zeit mit der Jobsuche, Strand und meinen Finninnen. Manchmal war die viele Freizeit nicht mehr zu ertragen, denn mir fehlte die Aufgabe und ich war depressiv gestimmt.
Das Geld, welches mein Freund verdiente, bekamen wir auch nie pünktlich zum Ersten, sondern erst am Fünften oder gar am Zwölften. Das war unmöglich, da wir ja unsere Miete bezahlen mussten. Das ist aber anscheinend so üblich auf der Insel.
Außerdem bekamen wir 20% des Verdienstes auf unser spanisches Konto und den Rest in bar. Wir waren auch unzufrieden mit unserem Apartment, da es zu teuer war und der Mietvertrag zu lange lief. Eine Argentinierin vom Savannah übernahm zum Glück unsere Wohnung und die Vermieterin war auch einverstanden. Wir zogen übergangsweise für fünf Tage in eine Frauen- WG und dann zu einer Spanierin. Sie arbeitete die meiste Zeit und schlief bei ihrem Freund. So hatten wir die Wohnung mit riesiger Dachterrasse für uns allein. Wir zahlten 400€ für 1,5 Monate. Mein Freund beschloss zum 01.08.03 zu kündigen und Mitte August nach Deutschland zurückzukehren.

Zwischendurch weitete ich meine Jobsuche auf Playa d'en Bossa aus, denn ich wusste, es ist "deutsch" und so hoffte ich, vielleicht dort einen Job zu finden. Ich lernte dadurch einen Haufen kurioser Gestalten kennen, die mir z.B. anboten, Partytickets am Strand zu verkaufen. Das ist illegal und, wenn man erwischt wird, kostet es 200€ Strafe.

Ich gab meine "CVs" noch in verschiedenen Bars ab.
Natürlich hatten wir auch eine spanische Telefonnummer. Doch innerlich hoffte ich auf keine Rückrufe, denn die Atmosphäre dort gefiel mir gar nicht. Die "PRs" und "Flyerer" grapschten an uns herum und waren unseriös. Außerdem hatte ich mich so an die englische Höflichkeit und Zurückhaltung gewöhnt, dass mir diese Aktion, in eigener Sprache, noch viel unangenehmer war. Im Schnitt waren die Worker dort um einiges älter und hatten wahrscheinlich mehr Drogenerfahrungen, kurzum, waren total durch!

Ob ich wollte oder nicht, es kam sowieso nichts zurück.
Wir lernten ein paar Österreicher kenne. Sie arbeiteten auf dem Bau und verdienten 8€/Stunde, was sehr gut bezahlt ist, wie eben auch Köche.

Am 18.08 verließen wir die Insel total betrunken, da wir die letzte Nacht im Koppas durchgetanzt hatten. Jetzt sind wir wieder in Deutschland und es fällt uns schwer, uns hier wieder einzuleben.
Vielleicht war Ibiza nicht mein Traum, aber der Strand, das Meer und die Unbekümmertheit, daran habe ich mich doch gewöhnt. Es war auch eine bewegte Zeit, die mit vielen eigenen Prozessen zu tun hatte. Ich war froh, z.B. nicht mit deutscher Politik oder Bürokratie belastet zu werden.

Noch ein Wort zur Mode: Ich habe mich noch nie so frei in kürzesten Röcken bewegt, ohne ständig angemacht zu werden. Ich habe auch vieles abgeschnitten und umgeändert, weil ich kein Geld für neue Klamotten hatte, denn die Sachen sind dort viel teurer wie hier - aber es hat Spaß gemacht.

Nun arbeiten wir beide wieder für unser nächstes Projekt - INDIEN, drei Monate!

Berenike, 10.09.2003

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